Pest in Kalkstein.

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Pest in Kalkstein
Seuchen gegenüber war man früher weitgehend machtlos. Die ärztliche Kunst reichte nicht aus, ein um sich greifendes Massensterben aufzuhalten. Der Schwarze Tod blieb als Geißel Gottes gefürchtet bis ins vorige Jahrhundert.
Berüchtigt ist das europäische Pestjahr 1348. Auch Tirol blieb davon nicht verschont, ebenso wenig Villgraten. Ein Zeitgenosse schreibt, es sei nur ein Sechstel der Bevölkerung übriggeblieben, ein anderer spricht von einem knappen Drittel. Die Bevölkerung einer Gemeinde war in kürzester Zeit auf die Hälfte und mehr dezimiert. Die Verschleppung und Übertragung der Infektion bis in die entlegenste Siedlung war kaum zu vermeiden.


Abgesehen von der menschlichen Tragik hatten derartige Seuchen auch tiefgreifende wirtschaftliche, soziale und bevölkerungspolitische Folgen. Ganze Familien starben aus, Häuser wurden leer, Besitze verödeten, Grundstücke lagen brach. Sosehr einerseits Seuchen der drohenden Übervölkerung eines Gebiets sozusagen auf natürlichem Wege steuern halfen, empfand man sie nicht weniger als unerbittlich hartes Schicksal. Immer wieder brach einmal da, einmal dort, bald eng begrenzt, bald weit um sich greifend, eine Epidemie aus.
Kriegszeiten waren besonders anfällig dafür. So trifft die zweite große europäische Pest 1634/36 ausgerechnet in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges.
 
Innerhalb der zwei Monate November und Dezember 1634 starben in Kalkstein 31 Personen an der Pest. Das war rund die Hälfte der Einwohner. Die Überlieferung weiß, die Seuche sei durch zwei einheimische Wallfahrer, die es sich nicht nehmen hatten lassen, nach Altötting in Bayern zu pilgern, eingeschleppt worden. Ähnliches erzählt man beispielsweise von Umhausen. Dort sei es eine Bettlerin gewesen, die die Pest ins Dorf brachte.
Offensichtlich war Kalkstein der erste Krankheitsherd im Hochpustertal, zumal sich die umlegenden Gemeinden Kalkstein gegenüber abzuschirmen suchten. Eine Instruktion vom 11. Dezember genannten Jahres verlautet, dass in Innichen und Toblach wegen der leidigen Infektion in Villgraten Wachen aufgestellt worden seien.
 
Die Sage leibt die Vereinzelung, um eindrucksvoller zu sein. So weiß der Volksmund entgegen dem urkundlichen Beleg, dass in Kalkstein nur eine einzige Person übrig geblieben sei. Am Fronleichnamstag sei diese aus Heimweh nach menschlicher Gemeinschaft und gemeinschaftlichem Gottesdienst die Berglehne entlang heraus nach Schönegg gekommen von wo aus man das ganze Haupttal überblicken kann, um die Prozession der Pfarre zu sehen. Die Außervillgrater wissen es anders: Einzige Überlebende seine ein altes Weibele und eine Geiß gewesen. Nach dem Erlöschen der Seuche sei das Weibele mit der Geiß am Strick heraus zum Schönegger gekommen und habe von dort herunter ins Tal gerufen und verkündet: "I und die Goaß löbmt nou!"
 


Das letzte Pestopfer in Kalkstein soll ein Bauer gewesen sein, der trotz besten Befindens in kleingläubiger Todesahnung resignierte, am Abend die "Knöllanschüssel" vor sich hin auf den Tisch stellte, den Löffel nahm und mit den Worten, "heint löb i nou amol, morgn bin i eh hin", den ganzen Butterknollen von drei Pfund samt und sonders auffraß. Er sei denn auch anderntags als letzter an der Seuche verstorben. Das Strafmotiv für Unmäßigkeit ist hier offenkundig.
Nach anderer Erzählung sei aber ausgerechnet dieser Schlemmer übrig geblieben. Er sei mit dem Butterknollen unterm Arm in den Öggewald hinauf, habe sich auf einen Baumstrunk gesetzt und gesagt: "Itz isse halt nou aml des Knölle, hin warsche do albm!"
 


Wie stark die Kalksteiner Pest im Haupttal um sich griff, bleibt unerfindlich. Sollte dem Volksmund zu trauen sein, so haben wir es bei den Knochenfunden zu Wegelet mit Pestopfern zu tun. Es müsste also der innerste Talbereich, Maxer, Egge- und Lahnberg, teilweise noch von der Infektion erfasst worden sein. Die Parzelle neben dem Wegelethaus heißt heut noch "Freithöfl". Vor einem halben Jahrhundert stand dort auch noch eine Kapelle. Sie war dem heiligen Josef geweiht. Eine ältere Überlieferung hingegen bezeichnet sie als Georgskapelle. Das Patronat diese Heiligen erhärtet die Sage, dass die erste Kirche von Innervillgraten tatsächlich am Lahnberg gestanden hat. Demnach müsste dann auf Grund der Pest ein Patronatswechsel erfolgt sein. Die Verehrung des heiligen Josef blühte im 17. Jahrhundert auf. Als Patron der Sterbenden konnte er passend für eine Peststätte bestellt worden sein. Von Pestopfern im übrigen Teil Innervillgratens und in der Gemeinde Außervillgraten weiß die Volkserinnerung nichts.
 
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